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Sunn O))) - Berlin - 23.10.2009

Und zum zweiten Mal in diesem Jahr beehren uns Sunn O))), um uns im wahrsten Sinne des Wortes zuzudröhnen. Statt dem stimmungsvollen Prater mit seinem rauschfördernden Holzboden und dem familiären Ambiente hat man sich diesmal den elitären Technoschuppen Berghain mit seiner Riesenanlage ausgesucht. Zudem ist diesmal neben den Twin Eagles als Vorband auch Gastsänger Attila Csihar dabei, so dass sich der Abend wohl nicht unerheblich vom Konzert im Mai unterscheiden wird.

Das Berghain ist in jedem Fall eine beeindruckende Location, deren kalte Steinwände industrielles Flair versprühen. Zwei Stockwerke bieten Geräumigkeit und beeindrucken durch ihre schiere Größe und Aufdringlichkeit, sind dabei aber keineswegs vollgestopft. Dass hier ist keine Dorfdisko, man kann es sich leisten, Platz zu verschwenden, und, ähnlich wie in einer Kirche, dem Auge etwas zu bieten, sowie dem Komplex etwas Erhabenes zu geben, das den Gast wie den winzigsten Teil eines rauschhaften Systems aussehen lässt. Alles in allem hat das Berghain seinen Reiz, und wenn dort andere Musik laufen würde, würde ich auch häufiger mal vorbeischauen.

Die Fans, die häufig zum ersten Mal im Berghain sind, besichtigen also erstmal die Location und wirken dabei häufig wie Touristen in einer großen unbekannten Stadt. Die Mehrheit besteht aus Metallern, allerdings sind auch genug Alternativ Studenten, Alt- und Neohippies und ein paar ältere Pärchen auf der Suche nach kulturellen Abenteuern darunter. Die preiswerten Shirts und Platten der beiden Bands finden von Anfang an guten Absatz.

EAGLE TWIN, die nur aus Gitarre und Schlagzeug bestehende Vorband, braucht einen Moment, um überzeugen zu können. Schuld daran ist wohl primär der Sound, der nur mäßig dröhnt und die Frage aufkommen lässt, ob die Berghain-Anlage nicht doch etwas überschätzt wird. Ab einem bestimmten Punkt stimmt der Sound allerdings zumindest halbwegs, und die Mischung aus Drone, Funeral Doom und etwas Blues beginnt zu wirken. Zumindest sind EAGLE TWIN live sehr viel stärker als von der Konserve, und zum Ende des Auftritts ist man gut eingestimmt. Leider stehen die meisten Leute vor der Bühne, so dass man, wenn man sitzenderweise die Vibrationen komplett in sich aufnehmen möchte, eher mal gar nichts sieht. „Scheiß Spaßgesellschaft“, brummt mein Begleiter. Im stillen gebe ich ihm Recht.

Genau da liegt auch das Problem, als SUNN O))) endlich loslegen: Wieder stehen alle nur rum und halten Maulaffen feil. Offenbar scheinen sich die Besonderheiten eines Drone Konzerts noch nicht so recht herumgesprochen zu haben, oder den Leuten reicht das starke Kribbeln und ziehen in den Waden. Das geht leider auf Kosten der sitzenden Minderheit, die so zwar das volle Erlebnis bekommt, aber leider immer wieder von einigen umherlaufenden Zeitgenossen aus ihrer mühsam aufgebauten Trance gerissen werden, und zudem von der Bühne nichts sieht. Allerdings kann auch das die Stimmung nicht verderben.

Denn die Band brilliert einmal mehr. Der Sound ist laut und dröhnend, im Vergleich zum letzten Mal aber deutlich düsterer und stimmungsvoller, dafür nicht ganz so durch Mark und Bein gehend. Statt andauerndem Bassgedröhne setzt die Band auf eine monolithartige Alptraumkomposition aus tiefen Höllenklängen und blackmetalartigen Akkorden in den mittleren und hohen Frequenzen, die durch wenige, dafür umso ausdruckstärkere Rückkopplungen ins Unermessliche verstärkt werden. Dazwischen erklingt beklemmend und verstörend Attilas Stimme, als wäre er gerade aus dem Grab wieder aufgestanden, um der Menschheit Verderben zu bringen. Sein finster-meditativer Sprechgesang reißt einen sofort in seinen Bann, auch wenn sein Sauron-artiges Kostüm mit den Laserhandschuhen Geschmackssache ist. Egal, denn ich sehe sowieso nicht so viel, und es ist auch der Klang der zählt, der Alptraum, in den man sich freiwillig und mit großer Freude fallen lässt, der einmal mehr die Zeit anhält, zumindest solange, bis man mal wieder einen leichten Tritt von seinem Nebenmann bekommt.

Die finstere Gesamtshow verhindert einerseits ein Amoklaufen der Emotionen, dringt dafür jedoch viel tiefer und intensiver in die undurchdringliche Finsternis der eigenen Persönlichkeit ein. Ein pechschwarzer Bastard, der auf eine unbestimmte Art genauso intensiv ist wie sein sehr viel meditativerer aus dem Prater. Er ist nicht besser und nicht schlechter, nur halt ganz anders.

Fazit: Ich hätte nicht erwartet, dass die Stimmungen bei zwei Konzerten von ein und der selben Band derart stark voneinander abweichen und sich dennoch so ähneln können. Einmal mehr war das Konzert nicht von dieser Welt. Nur viele Besucher haben genervt. Aber gut, mit dem Willen der Mehrheit werden wir wohl alle leben müssen.

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