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SONATA ARCTICA - Interview mit Tony Kakko

Seit vielen Jahren kennt man die Finnen SONATA ARCTICA als symphonisch-melodische Power/Speed-Metal-Band der Extraklasse. Doch die Truppe um Ausnahmesänger Tony Kakko kann noch viel mehr. Um uns genau das zu zeigen, sind die Jungs mit ihrem fünften Album “Unia” zu neuen musikalischen Ufern aufgebrochen. Diese ausgesprochen vielseitige und mitreißende Scheibe bietet höchst intelligente Melodien, geschickt verschachtelte Chöre, diverse rhythmische Kabinettstückchen und halsbrecherische Drehungen und Wendungen, die allesamt souverän dirigiert und kontrolliert zu einem umwerfend schönen, faszinierenden Ganzen verwoben werden. Mister Kakko persönlich gab Auskunft über das Wie und Warum.

Martin:
Tony, was ihr uns da mit “Unia” vorlegt, ist ja wirklich sehr beeindruckend. Ich bin seit dem Debüt-Album “Ecliptica” bekennender SONATA-Fan, aber das neue Album hat mich dermaßen aus den Socken gehauen, dass ich mehrere Tage kaum an etwas anderes denken konnte, als an eure raffinierten und unwiderstehlichen neuen Songs. Diese Mischung aus wunderbaren, sehr eleganten Melodien, den prächtigen mehrstimmigen Gesängen und beeindruckenden technischen Finessen habt ihr so noch nie auf Platte gebracht.

Tony:
Vielen Dank, ich bin sehr froh, dass dir unsere neue Platte offenbar genauso gefällt wie mir, hahaha! Es hat sich in der Tat einiges geändert in unserem Sound. Wir spielen nicht mehr so schnell, sondern legen mehr wert auf kompositorischen Tiefgang und Abwechslung. Dadurch ist das Album total intensiv und kraftvoll geworden. Was für das Songmaterial an sich gilt, trifft auch auf die Produktion zu, die klangliche Bandbreite ist größer den je. Daher mag es wohl auch etwas länger dauern, bis man als Hörer mit “Unia” klar kommt. Aber ich garantiere euch, die Scheibe wird niemals langweilig! Wir haben so viele kleine Details und Variationen eingebaut, da kann es sein, dass man nach Jahren noch etwas Neues entdeckt.

Martin:
Eure dritte CD “Winterheart’s guilt” war so etwas wie der Höhepunkt eurer Symphonic-Power-Metal-Ära, ein sehr opulentes, bombastisches Album. Damit hatte ihr diesen Stil in gewisser Weise ausgereizt und musstet neue Elemente in eure Musik rein nehmen, um euch wirklich weiter zu entwickeln. Erste Ansätze waren bereits auf “Reckoning night” zu erkennen, auf “Unia” nun habt tatsächlich ein neues kreatives Level erreicht. Steckt da sowas wie ein Masterplan dahinter oder habt euch einfach künstlerisch treiben lassen und ward selbst überrascht, wo ihr gelandet seid?

Tony:
Ich habe mir beim Schreiben der Songs dieses Mal sehr viel Zeit genommen, das war wohl der wichtigste Unterschied. Früher wurde ein SONATA ARCTICA-Album in der Regel in ein bis zwei Monaten komponiert, das war immer ein ziemlicher Stress, die Studiotermine standen zumeist schon, bevor ich auch nur eine Note aufs Papier gebracht hatte. Und eben weil ich mehr Zeit hatte, konnte ich mir auch mehr Freiheiten nehmen, mehr ausprobieren, optimieren und verzieren. Ich habe über einen Zeitraum von knapp zwei Jahren etwa 20 Songs geschrieben, immer mal wieder, wenn ich Zeit und Lust hatte, hier und dran geschraubt und gedreht. Am Ende haben wir uns dann auf die Nummern fokussiert, die in den Rohfassungen schon am besten funktionierten und die weiter ausgearbeitet. Mir hat diese Arbeitsweise jedenfalls viel mehr Spaß gemacht, als das Gehetze früher.

Martin:
Das ist dann wohl auch der Grund, warum “Unia” so abwechslungsreich klingt und so viele verschiedene Emotionen transportiert!?

Tony:
Ich habe versucht, mich beim Schreiben der Songs in verschiedene Stimmungen hinein zu versetzen und mit den Songs zu lachen, zu weinen, zu kämpfen und zu hoffen. Immer wenn mir das gelungen ist, wusste ich, dieses Lied ist etwas ganz Besonderes und wird auf jeden Fall aufs Album kommen. Glaub mir, mehr denn je wollte ich das allerbeste und interessanteste SONATA-Album schreiben, aber das klappt nicht, wenn du die Dinge zu erzwingen und durchzuplanen versuchst. Ich denke, ich habe ganz gute Arbeit abgeliefert, jetzt bin ich gespannt, was die Leute davon halten.

Martin:
Du hast dich nicht nur als Songwriter, sondern auch als Sänger weiter entwickelt, wie ich finde. Du singst auf “Unia” nicht mehr so hoch, eher in einer mittleren Stimmlage, allerdings mit bemerkenswerter Varianz, sowie sehr emotional und klar. Ich nehme an, du hast einfach gemerkt, dass das so besser zu den neuen Songs passt?

Tony:
Während der ganzen Touren in den letzten Jahren habe ich langsam immer mehr über mich selbst gelernt. So habe ich zum Beispiel den Bereich gefunden, in dem meine Stimme am besten funktioniert und mir auch das lange Singen leichter fällt. Die ganz hohen Töne setze ich nur noch selten ein, um an manchen Stellen für zusätzliche Dramatik zu sorgen, aber in den mittleren Tonlagen kann ich mich einfach besser ausdrücken. Eigentlich hätte ich das schon viel eher merken müssen. Jetzt macht das Singen auch viel mehr Spaß, ich klinge viel natürlicher und direkter, ich mag das sehr.

Martin:
Nach der Veröffentlichung von “Reckoning night” ward ihr mit Nightwish unterwegs. Wie war denn die Atmosphäre so und wie hat euch die Tour gefallen?

Tony:
Oh, die Nightwish-Tour war schon eine tolle Sache, die größte Tour, die wir bisher gemacht haben, das waren verdammt große Hallen und richtig voll war’s auch immer. Es war ja nicht das erste Mal für uns, dass wir vor so einem riesigen Publikum spielen, schließlich waren wir schon in Wacken und hatten zwei Shows als Support von Iron Maiden in Japan. Aber das Nightwish-Publikum ist doch anders. Da stehen längst nicht nur Metalheads rum, es kommen auch eine Menge “Normalos”, die außer Nightwish überhaupt keinen Metal hören. Das war schon eine Herausforderung, auch diese Leute zu erreichen und aus der Reserve zu locken. Da kannst du dich nicht drauf verlassen, dass gleich beim ersten Song der halben Saal die Köpfe schüttelt.

Martin:
Hast du mehr Lampenfieber bei großen Gigs?

Tony:
Nein, im Gegenteil, eher weniger. Weisst du, je mehr Leute da vor der Bühne stehen, desto mehr verlieren sie für dich als Künstler an Identität, sie verschmelzen von meiner Perspektive aus zu einer großen Einheit. Man schaut weniger oft in dieselben Gesichter, man kann sich irgendwie freier bewegen. Es ist auf seltsame Weise viel beängstigender, vor zehn Leute zu spielen als vor Zehntausend.

Martin:
Du hast gerade über den Songwriting-Prozess immer nur in der Ich-Form gesprochen. Steuern die andern denn immer noch nichts bei?

Tony:
Nein, nicht wirklich. Ich schreibe die Songs, aber dieses Mal hatten wir auch ausreichend Zeit, sie vorher zu proben und dabei zu verfeinern, bevor wir ins Studio gingen. Da hat natürlich schon jeder für sein Instrument Veränderungen vorgenommen, oder wir haben mal einen Part oder einen Übergang ersetzt, weil es irgendwie noch nicht richtig passte. Somit sind wir auch mit einem viel besseren Gefühl ins Studio gegangen. Ich meine, es ist schon ganz cool, wenn du genau weisst, wie ein Song läuft, bevor du anfängst ihn aufzunehmen. Einige der Nummern sind wirklich noch ein ganzes Stück besser geworden während der Rehearsals, die Jungs hatten einige richtig gute Ideen. Ich habe schon öfter mal darüber nachgedacht, ob es nicht gut wäre, wenn auch mal ein anderer etwas komponieren würde. Aber ich will mich nicht beschweren, ich bin ganz zufrieden mit der Situation, so wie sie ist. Ich kann mich bei SONATA ARCTICA voll und ganz verwirklichen, die anderen vertrauen mir und lassen mich gewähren.

Martin:
Es gibt viele eher ruhige und ernsthafte Momente auf “Unia”, aber auch sehr lebhafte Ausbrüche, mächtige, übereinander geschichtete Chöre und großflächige Harmonien. Da bin ich nicht der einzige, der Parallelen zu Queen gesehen hat. Bedeuten dir Queen etwas und kannst du diese Vergleiche nachvollziehen?

Tony:
Ich kann das sehr gut nachvollziehen und fühle mich total geehrt, wenn meine Songs die Leute an Queen erinnern. Queen waren eine meiner ersten Lieblingsbands als Teenager und immer eine wichtige musikalische Inspirationsquelle, als ich älter wurde.

Martin:
Diese Chorschlachten in Verbindung mit orchestral angelegtem, progressivem Metal könnte man auch als melodischere Version von Blind Guardian bezeichnen. Die Strukturen der Refrains ähneln auch manchmal den bevorzugten Bauplänen der Krefelder.

Tony:
Ob du es glaubst oder nicht: Ich habe noch keine Songs von Blind Guardian gehört, ich kenne keines ihrer Alben. Aber ich habe schon von verschiedenen Leute gehört, dass sie diese Assoziationen hatten. Vielleicht sollte ich mir mal eine Platte von denen besorgen und mich selbst überzeugen, was bei denen so abgeht.

Martin:
Hast du auf die Lyrics von “Unia” genauso viel Sorgfalt verwandt wie auf die Musik? Ich habe irgendwie das Gefühl, dass die Songs textlich zusammenhängen. Ist “Unia” letztlich gar ein heimliches Konzeptalbum?

Tony:
Nein, “Unia” ist kein Konzeptalbum. Ich glaube, ich hätte gar nicht die Geduld und die Nerven, so etwas zu schreiben. Ich bin viel zu sprunghaft dafür. Es stimmt schon, dass die Songs alle von menschlichen Wünschen, Sehnsüchten und Konflikten handeln, wenn du das schon ein Konzept nennen willst, meinetwegen. Bei ‘In black and white’ zum Beispiel geht es darum, wie engstirnige, dumme Menschen mit ihren Vorurteilen und Kategorisierungen jedes vernünftige Denken, jeden Hauch von Kreativität zerstören. ‘For the sake of revenge’ handelt von einer Person, die verzweifelt an einer Beziehung festhält, obwohl sie schon längst überhaupt keine Chance mehr hat. ‘Chaleb’ hängt inhaltlich eng zusammen mit ‘The end of this chapter’ von unserem Album “Silence”. Es geht wieder um diesen Stalker, ich versuche in seine Seele einzudringen und zu ergründen, warum er so geworden ist. In ‘My dream’s but a drop of fuel for a nightmare’ stelle ich mir vor wie es wäre, wenn man die Zukunft aus unseren Träumen vorhersagen könnte. Kennst du auch diese verrückten Albträume, in denen einem alle Zähne ausfallen und so? Das würde dann zum Beispiel bedeuten, dass jemand, der dir sehr nahe steht, bald sterben wird. Ich selbst glaube nicht wirklich an sowas, aber viele andere tun es. Ich bin in die Bibliothek gegangen, hab mir ein paar Bücher zu dem Thema geholt und mir viele dieser seltsamen Omen rausgesucht. Die habe ich dann im Text mehr oder weniger aneinander gereiht, so dass das Ergebnis ziemlich absurd klingt.

Martin:
Damit wäre dann ja auch wohl die Frage nach dem Albumtitel geklärt, “Unia” heißt im Finnischen nichts anderes als “Träume”.

Tony:
Ich habe im Laufe der letzten zwei Jahre eine ganze Reihe von Arbeitstiteln verschlissen. Um Weihnachten herum, war ich mir dann auf einmal ganz sicher, den richtigen Namen für das Album gefunden zu haben. Entsprechend wurden dann auch Entwürfe fürs Layout erstellt. Schließlich musste ich aber feststellen, dass man diesen Titel auch gewaltig missverstehen hätte können. Das ist heutzutage echt gefährlich, es gibt so viele Leute, die drehen dir die Worte im Mund rum und suchen überall nach möglichen Doppeldeutigkeiten. Ich musste mir also schnell etwas anderes überlegen, möglichst mit ähnlicher Bedeutung, so dass das Artwork nicht noch mal komplett umgeworfen werden musste. Das Beste, was mir einfiel, war “Unia”. In finnischer Sprache klingt es für die meisten Leute interessanter und geheimnisvoller, als wenn ich die Platte einfach “Dreams” genannt hätte.

Martin:
Wo du gerade selbst das Artwork ansprichst: Das “Unia”-Cover ist geradezu spartanisch ausgefallen im Vergleich zu den prächtigen, bunten Bildern, die ihr früher hattet. Ein weiteres Zeichen der neuen Ernsthaftigkeit?

Tony:
Ach, eigentlich wollte ich schon für “Reckoning night” ein einfacheres Coverbild haben, aber dieses Mal musste es wirklich sein, weil so ein knallbuntes Fantasy-Bild die Stimmung von “Unia” nun wirklich nicht wieder gegeben hätte. Ich denke, man sollte sich gut überlegen, wie man das Cover gestaltet, da es bei vielen Leute, die eine Band bisher nicht gut kennen, signifikant zur Kaufentscheidung beiträgt.

Martin:
Als Vorab-Single habt ihr ‘Paid in full’ ausgewählt, dabei ist das doch gerade einer der unauffälligeren Songs auf “Unia”!?

Tony:
Aber dafür ist er auch einer der am ehesten und leichtesten zugänglichen Titel, und darum geht es bei einer Single, von der du hoffst, dass zumindest ein paar Radiostationen den Song mal spielen.

Martin:
Auf besagter Single befindet sich ebenfalls eine Cover-Version von Gary Moores ‘Out in the fields’.

Tony:
Ja, den Song mögen wir eigentlich alle sehr. Wir hatten leider nicht mehr die Zeit, irgendetwas total Komplexes einzustudieren oder einen Song komplett umzuarrangieren, da musste was her, was uns leicht von der Hand geht.

Martin:
Es gibt auch einen ganz interessanten Video-Clip zu dem Song. Muss ziemlichen Spaß gemacht haben, das Ding zu drehen!

Tony:
Ja, das war cool. Wir haben das in unserer schönen Heimatstadt Kemi gemacht, da lag zu der Zeit immer noch eine Menge Schnee und die Seen waren von einer dicken Eisschicht bedeckt. Wir haben uns mit unserem Exquipment auf so einen See gestellt und einfach drauf los gepost, was das Zeug hält. Es war jedenfalls ein herrlich sonniger Tag mit einem großartigen Sonnenuntergang. Und wir durften mit Feuerwerk rumspielen, das war auch sehr geil auf dem Eis, da stiegen meterhohe Fontänen aus Eis und Wasser in die Höhe!

Martin:
Ich nehme an, ihr werdet auch mit “Unia” wieder ganz ausgedehnt auf Tour gehen?

Tony:
Ja, wir werden mit einigen Pausen wohl an die zwei Jahre unterwegs sein. Zuerst spielen wir ein paar Gigs in Finnland, dann einige Sommer-Festivals. Im September geht es dann nach Nordamerika inklusive Mexiko und ab Oktober ist Europa dran.

Martin:
Auf der Tour wird sich dann vielleicht auch zeigen, wie die Fans der ersten Stunde mit eurem erwachseneren Stil zurecht kommen. Es wird sicher auch welche gehen, die “Unia” nicht nachvollziehen können.

Tony:
Das mag schon sein, aber daran kann ich dann auch nichts ändern. Dieser Schritt war einfach notwendig für die Band, und ich hoffe und glaube, dass die große Mehrzahl der Fans diesen Schritt mit uns gehen wird. Schließlich wollen wir als Band das hier noch eine ganze Weile machen, da müssen wir ja auch sehen, dass es für uns selbst interessant bleibt. Wir werden mit diesem Album vielleicht ein paar Fans verlieren, aber wir werden dafür hoffentlich auch viele neue hinzu gewinnen. Ich würde mich auch freuen, wenn die Leute sich wirklich in Ruhe mit “Unia” beschäftigen und sich auf die Songs einlassen. Es gibt wirklich viel zu entdecken auf der Platte.

Martin:
Ich weiss, es ist wohl noch zu früh für diese Frage, aber ich stelle sie trotzdem: Was kommt nach “Unia”?

Tony:
Oh, keine Ahnung, das werden wir dann sehen. Ich denke nicht, dass wir eine Kehrtwendung machen werden und auch eine komplett andere Richtung schließe ich jetzt mal aus. Vielleicht gibt es aber durchaus auch mal wieder den einen oder anderen straighten, schnellen, symphonischen Song.

Martin:
Okay, Tony, vielen Dank für deine Zeit und das interessante Gespräch. Ich wünsche dir und SONATA ARCTICA alles Gute für die kommenden Abenteuer.

Tony:
Ich habe zu danken für das Interesse. Ich bin fest davon überzeugt, dass eine sehr spannende Zeit vor uns liegt. Ihr kommt doch alle zu unserer Tour, oder!?

Martin:
Ja, Tony, keine Sorge, kommen wir!

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