

Scarlet Records
2007
Die Wege des Schicksals sind manchmal verworren und zynisch. Sieben Jahre ist es nun her, dass das Line-Up der besten brasilianischen Power-Metal-Band aller Zeiten, Angra, auseinander brach. Das begnadete Gitarrenduo Rafael Bittencourt und Kiko Loureiro machte unter dem alten Namen weiter und lieferte zuletzt mit “Temple of shadows” (2004) und “Aurora consurgens” (2006) zwei glänzende Alben ab. Sänger Andre Matos, Bassist Luis Eduardo Mariutti und Drummer Ricardo Confessori gründeten SHAMAN und konnte mit den bisherigen beiden Werken “Ritual” (2002) und “Reason” (2005) auch durchaus überzeugen, auch wenn sie im direkten Vergleich klar den Kürzeren zogen. Im vergangenen Jahr nun ereilte SHAMAN dasselbe Schicksal wie einst Angra. Matos und Mariutti quittierten den Dienst und die Band schien schon am Ende zu sein. Doch Ricardo Confessori beschloss, dieses unrühmlich Ende nicht kampflos hinzunehmen und machte sich auf die Suche nach neuen Mitstreitern. Am schwierigsten war es dabei, einen Ausnahmesänger wie Matos zu ersetzen. An diese große Aufgabe wagt sich Thiago Bianchi von den brasilianischen Prog-Metallern Karma. Somit stellt das aktuelle Album “Immortal” eine Art Neuanfang für SHAMAN dar.
Ich bezweifele allerdings stark, dass SHAMAN mit dieser neuen Platte noch einmal ein Bein auf den Boden bekommen werden. “Immortal” kann den Standard der Vorgänger zu keiner Sekunde halten, phasenweise kommt das Album sogar erschreckend konturlos, fahrig und schwach daher. Ein klarer Fall von “Gewollt, aber nicht gekonnt”, würde ich sagen, denn Confessori und seine neue Crew gehen durchaus ambitioniert an die Sache heran, verbinden Keyboard-schwangeren Melodic Metal mit dezent progressiven Ansätzen, harten, treibenden Gitarren und einer Prise südamerikanischer Klänge. Manchmal fühle ich mich sogar stark an den Angra-Vorläufer Viper erinnert, man höre nur mal Songs wie ‘In the dark’ oder ‘Strength’ und rufe sich zum Bleistift den Viper-Longplayer “Theater of fate” aus dem Jahre 1989 in Erinnerung. Diese Tracks sind allerdings die klar besten auf “Immortal”, die meisten Kompositionen laufen irgendwie ins Nichts, wirken wie Hilfsschüler-Melodic-Power-Metal, der nach dem Baukastenprinzip zusammen gesetzt wurde. Hier mal ein nettes Solo, dort eine neckische rhythmische Spielerei, eine klebrig-süße Melodie oder eine Doublebass-Einlage: ohne wirkliches Konzept macht das noch lange keine guten Songs. Es fehlen hier einfach die zündenden Ideen, der rote Faden und die großen dramaturgischen Spannungsbögen.
Klar schimpft man sonst auch gerne mal auf Bands, die allzu frech und deutlich die Genre-Pioniere und -Protagonisten kopieren. Doch wenn ich ehrlich bin, ist mir ein Clone mit richtig guten Songs lieber als dieses Sammelsuriums nicht zu Ende gedachter Ansätze. An das gute alte SHAMAN-Zeug kommt qualitativ gerade noch das knackig-frische ‘Inside my chains’ heran. Thiago Bianchi kann ebenfalls nicht wirklich überzeugen, seiner Performance fehlt es an Charisma und bei den hohen Töne wackelt er ein ums andere Mal. Folglich enttäuscht “Immortal” doch sehr und vom Erwerb dieser Scheibe ist dringend abzuraten.
Rating: 



