

Nach der ziemlich schmutzigen Trennung von Tarja Turunen und dem monatelangen Geheimnis um die neue Sängerin liegt nun das Dokument vor, nach dem beurteilt wird, ob die “Neue”, Anette Olzon die Fußstapfen von Tarja ausfüllen kann und ob es der Band gelingen kann, auch ohne die markante Stimme von Tarja, ihre Trademarks zu erhalten.
Zumindest die Frage, ob Anette Olzon Tarja Turunen ersetzen kann, wird bereits im ersten Song beantwortet, und die Antwort lautet ziemlich ernüchternd: Nein. Der Opener “The Poet and the pendulum” ist ein bombastischer Longtrack, der entfernt an “Ghost Love Score” vom Once-Album erinnert, allerdings noch stärker ist und mit großartiger Orchestrierung glänzt. Leider geht Anette mit ihrer klassischen Rock-Stimme hoffnungslos unter. Wo Tarja bei “Ghost Love Score” problemlos in der Lage war, einen Gegenpol zum Orchester zu bilden, fehlt Anette hier die Stimmkraft.
Das soll jetzt aber nicht heißen, dass die Dame einen schlechten Job bei NIGHTWISH macht. Vor allem in den eingängigeren Nummern wie z.B. “Bye Bye Beautifull” macht Anette stimmlich eine gute Figur. Auch der Kontrast zu Marcos sehr rauher Stimme in ähnlicher Tonlage ist extrem interessant. Vermutlich werden auch alte Songs wie z.B. “Wish I had an Angel” oder “Wishmaster” mit ihrer Stimme hervorragend funktionieren.
Um die Frage nach der Sängerin mal abzuschließen: Anette kann Tarja nicht ersetzen und wird es vermutlich auch nie können. Dafür ist Tarjas Stimme zumindest im Rockbereichg einfach zu speziell, und dafür ist der Gesangsstil der beiden auch zu verschieden. Anettes Stimme ist unaufdringlicher, aber halt auch nicht so markant. Alles in allem also ein Stilwechsel, der vor allem bei den eingängigen, rocklastigen Songs hervorragend funktioniert, während die großen Bombastwerke für Anettes Stimme halt irgendwie doch zu groß sind. Dennoch ist sie eine hervorragende Sängerin.
Aber auch außerhalb des Gesangs gibt es Veränderungen zu hören. Die großen, orchestralen Elemente sind präsenter denn je, und das steht der Band ausgezeichnet zu Gesicht, vor allem weil die Grundstimmung dadurch in keinster Weise verweichlicht, sondern eher noch härter und -vor allem- dunkler wird. Das Riffing schlägt in schöner Regelmäßigkeit in extreme Regionen aus und harmoniert bestens mit den starken Orchestereinsätzen. Neben dem bereits erwähnten Opener “The Poet and the Pendulum” sticht hier “Master Passion Greed” hervor.
Natürlich fehlen aber trotzdem die eher Singletauglichen Songs nicht. Hier stechen vor allem “Cadence of her last breath”, das bereits ausgekoppelte “Amaranth” sowie die Balladen “Eva” und “Meadows of Heaven” hervor. Während “Eva” sofort unter die Haut geht und mit einem schönen Gitarrensolo glänzt, sind die anderen Songs nicht so stark und klingen leider eher nach leicht verdaulich als nach großem kompositorischen Anspruch. Daran ändert auch der streckenweise wirklich tolle Gesang nichts.
Also zurück zu den uneingängigeren Sachen. Und davon gibt es einige. Hier entpuppt sich vor allem die zweite CD-Hälfte als wahre Fundgrube an tollen Ideen. “Sahara” stampft schwerfällig vor sich hin, bevor es in einen schönen, ruhigen Teil rüberführt, “Whoever brings the Night” wartet mit schöner Schwermetallschlagseite auf und der Instrumentalsong “Last of the Wilds” glänzt mit schönem irischen Flair, das sich schön mit den Gitarren und Drums verbindet. Ganz groß ist auch die folklorisch angehauchte Ballade “The Islander”, die von Marco und Anette zusammen gesungen wird.
FaziT: NIGHTWISH haben die Flucht nach vorne angetreten und sind mit einem Spitzenalbum zurückgekehrt. Der Silberling fällt gegenüber den alten Alben in keinster Weise ab, und es sind einige der stärksten NIGHTWISH-Songs darauf. Anette hat einen guten Einstand als Sängerin abgegeben, muss sich aber noch etablieren. Ich warte auf die ersten Konzerte.
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